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RHETORIK GLOBAL

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20.07.2017

Macron und die Kraft der Symbole

Wann immer Emmanuel Macron öffentlich in Erscheinung tritt, scheint nichts dem Zufall überlassen zu sein. Als Präsident der „Grande Nation“ inszeniert er sich durch kraftvolle Bilder und symbolträchtige Gesten. Noch immer sind es weniger die Inhalte, die die politische Berichterstattung bestimmen als vielmehr seine Person und seine raffiniert platzierten symbolischen Handlungen jenseits routinierter Abläufe.

Ein professionelles Medienteam sorgt für die richtige Kameraeinstellung zum richtigen Zeitpunkt, so dass Macron seinen fast schon monarchistisch anmutenden Habitus voll entfalten kann. So bestellte er jüngst beide Parlamentskammern, sowohl Nationalversammlung als auch Senat, nach Versailles, um nach amerikanischem Vorbild eine Art Rede zur Lage der Nation abzuhalten, in der er die wichtigsten politischen Leitlinien für die nächsten Jahre vorgab. Durch dieses Novum unterstreicht Macron eindrücklich seinen Rang als stärkste politische Leitfigur im Staat. Die pompöse Kulisse von Versailles inklusive republikanischer Ehrengarde bietet dabei den entsprechenden Rahmen.

Photo Credit: Soizig de la Moissonière / official photo of Emmanuel Macron

Symbolträchtig und nicht vorgesehen auf der Tagesordnung war auch Macrons Wangenkuss für Angela Merkel am Rande der europäischen Trauerfeier Helmut Kohls. Er unterstreicht damit die historische und auch zukünftige Bedeutung der deutsch-französischen Beziehung für ein stabiles Europa. Dass ein starkes Europa zentraler Bestandteil seiner politischen Agenda ist, lässt sich zudem an seinem offiziellen Portraitfoto erkennen. Dort posiert er, gesäumt von Trikolore und europäischer Flagge, an seinem mit bedeutungsschwangeren Requisiten ausgestatteten Schreibtisch, jederzeit zur Tat schreitend bereit.

Stolz, Würde, Aufbruch und Entschlossenheit sind die Attribute die seine öffentlich inszenierten Auftritte transportieren sollen. Wie lange dieses akribisch konstruierte Gerüst in einer Legislaturperiode, die an konkreten Inhalten gemessen wird, aufrecht erhalten werden kann, wird sich zeigen.

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06.07.2017

Lammert kann es einfach

Norbert Lammert ist ein außergewöhnlich guter Redner. Das ist bekannt. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen kührte seine Rede anlässlich des Tags der Deutschen Einheit im vergangenen Jahr zu der besten des Jahres.

Zum Tode des kürzlich verstorbenen Helmut Kohl fand der Bundestagspräsident in seiner Wirkungsstätte vor großem Publikum erneut die passenden Worte und liefert eine facettenreiche Rede, die den Staatsmann würdigt.

Kontextbezogen und nachvollziehbar

Lammert verzichtet auf Allgemeinplätze, die in Nachrufen nicht selten an der Realität des tatsächlich gelebten Lebens vorbei gehen und zur Mythenbildung beitragen – oft dem Redner nicht bewusst. Dies ist Lammerts Sache nicht. Vielmehr stellt er das Leben des Politikers wie des Menschen Kohls in den historischen Kontext.

By Tobias Koch (OTRS) [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Beginnend mit der Gegenwart am unmittelbaren Ort, wo sich die Anwesenden befinden, bilden der Reichstag und seine historische Bedeutung das rhetorische Scharnier, um die politische Leistung des ehemaligen Bundeskanzlers anschaulich zu machen. Mit dem Hinweis auf die Kriegserfahrung und den Verlust des Bruders lenkt der Nekrolog den Blick auf den Menschen Helmut Kohl, der gegen Widerstände seine europäische Vision zu verwirklichen suchte.

Kein Hang zur Mystifizierung

Der Bundestagspräsident benennt durchaus auch die menschlichen Schwächen eines großen Politikers, die den Abschied eines großen Staatsmannes von der Macht so getrübt haben. Er spricht von Verletzungen, den erlittenen und den anderen zugefügten.

Lammerts Rede beschränkt sich nicht auf die Aufzählung von Errungenschaften. Sie besitzt einen Kern: Und zwar die Würdigung Helmut Kohls als nicht wegzudenkender Protagonist beim Übergang zweier Epochen. Als „personifizierte vertrauensbildende Maßnahme der Weltpolitik“ sei die Transition zu einem vereinten Deutschland und einem friedlichen Europa ohne ihn nicht vorstellbar gewesen und würdigt Kohl abschließend als einen „Glücksfall für Europa“.

Die transparente Darstellung komplexer Zusammenhänge macht die Rede ehrlich und nachvollziehbar. Dank Lammerts sprachlicher Unkompliziertheit, die nicht auf den pointierten Ausdruck verzichtet, der würdevollen Diktion, die auch nicht beim Ablesen verloren geht, fällt das Zuhören leicht. Ohne Emotionalität direkt einzufordern, erzeugt Lammert das Gefühl des Verlustes, indem er das Geleistete Helmut Kohls und den Preis dafür klar benennt. Mit ruhigem Ton und gezielten Pausen, in denen er den Blickkontakt mit dem Publikum sucht, strahlt er Besonnenheit aus und ruft implizit seine Zuhörer gleichfalls dazu auf.

Seine Pointiertheit ist konkurrenzlos

Ein gelegentliches Augenzwinkern nimmt dem traurigen Anlass die konstante Schwere und erlaubt ein Lächeln. Ein kurzer Seitenhieb, der die innerfamiliären Querelen aufgreift, stellt die öffentlich ausgetragenen persönlichen Verletzungen indirekt in Relation zur politischen Bedeutung, die der Tod eines Staatmannes eben auch hat. Auch die Medien bleiben nicht ungeschoren, mit dem Hinweis, dass der junge Politiker, Helmut Kohl, im Jahr 1968 dem Magazin 'der Spiegel' noch etwas anvertrauen konnte.

Dem Bundestagspräsident gelingt es, die unterschiedlichsten Themenkomplexe anzuschneiden, ohne sein Publikum oder den eigenen Faden zu verlieren. Mit dem Ende der Präsidentschaft wird Norbert Lammert als virtuoser Redner und Korrektiv im Bundestag fehlen.

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16.06.2017

Blaue Augen, fester Blick

Emanuel Macron entwickelt schon jetzt das Potential zum Star am internationalen Polithimmel. Er erzeugt Bilder und setzt Statements ab, die ein erholsames Gegengewicht zu den Tweets eines Donald Trumps oder öffentlicher Selbstinszenierungen anderer Regierungschefs sind. Unaufgeregt und souverän beherrscht er die Klaviatur, um indirekte Machtspielchen eines Putins oder Trumps mitzuspielen. Der dominante Händedruck des amtierenden US-Amerikanischen Präsidenten wird vom deutlich jüngeren französischen Amtskollegen ebenso fest erwidert. Auch Wladimir Putin bekam zu spüren, dass sich der politische Shootingstar nicht notwendig als Juniorpartner auf der Weltbühne versteht. Dank Kamerazoom, der das Geschehen vergrößert und dank sozialer Medien, die diese Bilder immer wieder perpetuieren, werden mittels eines Händedrucks Claims abgesteckt – oder eben auch nicht.

Von Jérémy Barande - Nouveau plan stratégique de l’École polytechnique, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58620278

In der Live-Situation wahrscheinlich kaum sichtbar, wird Körpersprache zur Sprache, die viel über die Persönlichkeit Macrons verrät. Der smarte und charismatisch wirkende Intellektuelle hat es nicht nötig, wie Trump Staatschefs anderer Länder beiseite zu rempeln, um in der ersten Reihe anzukommen. Und es bleibt abzuwarten, ob er sich jemals mit nacktem Oberkörper inszenieren wird wie Putin. Er wirkt qua Persönlichkeit. Das erlaubt ihm, Fernsehkameras zuzulassen während er mit Unterstützung seiner Frau bevorstehende Wahlkampfauftritte probt. Die Bilder lassen eine breite, internationale Öffentlichkeit wissen, dass eine überzeugende Rede, dass ein solcher Auftritt viele Stunden Arbeit bedeuten und vorbereitet werden muss. Macron lässt sich bei den Vorbereitungen in die Karten schauen und beweist damit den Mut des Starken, der es sich leisten kann, auch unvollkommene Momente öffentlich zu machen. Er probiert, nimmt Kritik an und weiß doch genau, was er will. Der Blick hinter die Kulissen lässt ihn menschlich wirken und sorgt für Sympathie – eine kluge Inszenierung.

Sein frisches juveniles Erscheinungsbild wird dadurch bestätigt und vermittelt ein Gefühl des Aufbruchs in großen Teilen der Gesellschaft. Seine Bewegung „en marche“ hat im Stile von „Yes, we can“ ein Narrativ des Neuanfangs kreieren können.

Macron ist bewusst, dass die Mystik um eine Person im Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielt. Passend also, dass seine Beziehung zu seiner deutlich älteren Frau kontinuierlich von der (Klatsch-)Presse wohlwollend thematisiert wurde. Seine Fähigkeit zu verführen und seine Zielstrebigkeit finden hier ihren Beweis. Als Emanuel Macron auszog, um an Frankreichs Eliteuniversitäten zu studieren, versprach er seiner damaligen Lehrerin, dass er zurückkommen würde, um sie zu heiraten. Manche würden seine Überzeugungskraft auch Manipulation nennen, andere die Kunst des Überredens, die ihm auch geschäftlich einigen Erfolg bescherte. Nicht umsonst fädelte er in seiner Zeit als Rothschild-Banker den Übernahmedeal zwischen Nestlé und Pfizer ein, der ihn nebenbei zum Millionär machte.

Kremlin.ru [CC BY 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0)], via Wikimedia Commons

Macrons Werdegang liest sich wie ein klassisch machtpolitischer und größere personelle Kollateralschäden scheint er durch seine verbindliche freundliche Art bisher weitgehend vermieden zu haben.

Bei den ersten Treffen mit Trump und Putin wurden die Positionen schon mal abgesteckt. Die Einladung an amerikanische Wissenschaftler ihre Arbeit im freiheitlichen Frankreich fortzusetzen klingt in europäischen Ohren wie eine verbale Ohrfeige für den amerikanischen Präsidenten; elegant in eine Rede eingebaut, wobei der entscheidende Teil an die Adresse der USA in Englisch formuliert wurde. Auch das ein Novum; äußerte sich ein französischer Präsident bislang nur in der Landessprache in der Öffentlichkeit.

Er beherrscht die große Geste, ohne sie groß wirken zu lassen. Er wirkt standfest und bestimmt. Sympathien büßt er dabei keine ein. Bleibt wohl abzuwarten, wie lange seine mystische Aura ihren Glanz behält und wann letztlich realpolitische Gegebenheiten daran zu nagen beginnen.