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RHETORIK GLOBAL

29.05.2018

Storys: Das Kino im Kopf erleichtert das Zuhören & Vortragen

Warum verändert sich unsere Wortwahl und unser Redeverhalten, wenn es "offiziell" wird und wir vor Publikum sprechen (müssen) – während eines Vortrags, einer Präsentation, vielleicht sogar in einem Meeting oder vor einer Fernsehkamera? Was passiert fast reflexartig?

Viele verabschieden sich von ihrem alltäglichen, individuellen Redestil und wechseln zum Nominalstil. Statt mit Verben einen persönlichen Bezug zu schaffen, rücken Substantive in den Vordergrund. Statt zu berichten, wie z.B. ein Produkt weiterentwickelt wurde oder eine Projektidee entstanden ist: "uns ist aufgefallen, dass A besser funktioniert als B. In langen Meetings haben wir uns gefragt – Warum? Und alle Experten, d.h. all unsere Mitarbeiter befragt. Schließlich hat uns unser Auszubildender, Felix, auf die Idee gebracht....", erfährt der Zuhörer von "Evaluationsprozessen, "Prozessoptimierung" und endlich einer besseren "Performance".

Auch wenn wir als Experten viel mit den Begriffen verbinden, verpuffen sie doch im Vortrag als Worthülsen, da unser Publikum mit den einzelnen Vorgängen weit weniger vertraut ist und sich wenig oder nichts darunter vorstellen kann. Forscher haben herausgefunden, dass ein Nominalstil zu kürzeren Sätzen führt, was grundsätzlich zu begrüßen ist.

(Bild: kopfkino |geralt | www.pixabay.com)

Aus meiner Sicht ist das aber nicht der Hauptgrund, der zu einem veränderten Redeverhalten in einer besonderen Situation führt; denn die meisten Redner und Rednerinnen greifen unbewusst auf diesen "offiziellen" Stil zurück, den sie im persönlichen Gespräch nicht verwenden würden. Substantive erlauben es uns, auf Distanz zu gehen. Verben, Ich- bzw. Wir-Botschaften geben einen stärkeren Einblick in unser Tun – und hier fühlen wir uns angreifbar. Physisch stellt sich dieses Gefühl ohnehin schon bei Vielen ein, sobald es gilt, vor eine Gruppe zu treten. Ist dann die Projektidee noch neu und fürchten wir ggf. Kritiker im Raum, suchen wir instinktiv Schutz hinter einer Barrikade aus Substantiven und – Worthülsen, die alles und nichts bedeuten.

Es sind aber gerade die Verben, die konkrete Beschreibung bestimmter Vorgänge und auch die persönlichen Erfahrungen, die einen Bericht lebendig gestalten, das Publikum zum Zuhören und Dranbleiben motivieren. Eine Geschichte – oder neudeutsch: eine Story – schafft Identifikation. Nicht nur beim Publikum, sondern auch bei uns selbst. Erinnerungen und Bilder an konkrete Vorgänge unterstützen uns dabei, souverän und natürlich aufzutreten, v.a. in Situationen, die sich zunächst ganz unnatürlich anfühlen; denn Gestik, Mimik und auch die Stimme richten sich nach dem, was wir vor dem geistigen Auge haben. Beim Erzählen im privaten Kontext denken wir selten über die Frage nach, was wir wohl mit unseren Hände oder unsere Mimik währenddessen anfangen sollen – sie folgen automatisch unseren inneren Bildern und den damit verbundenen Emotionen.

Während meiner Schauspielzeit bildete das "Kopfkino" eine wichtige Säule, um auf der Bühne und noch mehr in der Großaufnahme beim Film authentisch 'rüberzukommen. 

Im professionellen Zusammenhang erscheinen uns die eigenen "Geschichten" häufig zu vertraut bzw. zu banal, um erzählt zu werden. Ein Irrtum. Gelingt es die Story zuhörergerecht zu erzählen, prägen sich Inhalte und Botschaften i.R. deutlich besser beim Gegenüber ein.

Für die Praxis:Kompaktworkshop Storytelling am 29.06.2018 in Berlin

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05.04.2018

Stimme, Stimmung, Präsenz

Schon mal erlebt? Während einer wichtigen Präsentation oder eines Meetings versagt die eigene Stimme ihren Dienst. Sie zittert oder ist zu "dünn", wo sie überzeugend, zu "hart" und monoton, wo sie interessant klingen soll. Vielleicht verabschiedet sie sich auch ganz?

Ein feines Zusammenspiel aus verschiedenen Muskelgruppen verhindern eine tiefe Atmung oder führen dazu, dass Unter- und Oberkiefer fest auf einander gepresst sind – meist unter Stress oder bei erhöhter Konzentration. Die Stimme transportiert v.a. die Stimmung, die sich nahezu 1:1 den Zuhörern mitteilt, womit es dann zu einer – manchmal ungerechtfertigten – Einschätzung des Sprechers, der Sprecherin kommen kann.

Schauspieler, Sänger oder Sprecher sind als Profis darauf angewiesen, dass ihr „Werkzeug“ Stimme auch bei erhöhtem Stresslevel zur Verfügung steht – auch dann, wenn die Tageskondition nicht optimal ist. Eine professionelle Atemtechnik sorgt nicht nur für genügend Luft, sondern auch dafür, dass sich die persönlichen Kräfte ökonomisch nutzen lassen. Eine gezielte Artikulation dient u.a. der Klangentfaltung und Schonung der Stimme, da hier die Kopfresonanz optimal zum Einsatz kommt. Damit erhält die Stimme mehr Resonanzen, klingt voller und auch souveräner, ohne dass man notwendig lauter sprechen muss. So gelingt es, über eine längere Zeit trotz höchster Konzentration anstrengungslos zu sprechen und auch in großen Räumen selbst ohne Mikrofon in der letzten Reihe verstanden zu werden.

Dieses Wissen können sich auch Profis zu Nutze machen, die zwar nicht auf einer Theaterbühne reüssieren, aber auf der Bühne des Rede-Alltags bestehen müssen. Einer Person mit angenehm klingender Stimme, die alle Resonanzräume ausschöpft und gut zu verstehen ist, hört man gerne zu, sei es während einer Präsentation, einer Rede, im Meeting und natürlich am Telefon. Botschaften erhalten so den erforderlichen Nach-Hall und Vorträge lassen sich akustisch interessant gestalten.

Workshop: Professionelle Stimme & Sprechtechnik II | 27.04.18 | Berlin    

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13.03.2018

Provokation oder echte Diskussion?

Was hat er denn nun wirklich gesagt, der designierte Gesundheitsminister?

Jens Spahn formuliert gern mal zugespitzt und unerschrocken an aller Political Correctness vorbei. Die stürmische Reaktion auf seine jüngsten Äußerungen, im Interview mit der Funke-Mediengruppe, folgt dem bekannten Muster. Opposition und sogar der SPD-Koalitionspartner versuchen in medial wirksamer Empörung Position zu beziehen und sich vielleicht auch eine Form politischen Profils zu geben, das sich zunächst bequemer durch ein verbales Dagegen-sein erlangen lässt, als durch konkrete und praktikable Lösungsansätze.

(Bildquelle: pixaby.com)

In Zeiten von Twitter, Facebook und WhatsApp werden Äußerungen, Nachrichten und selbst Schlagzeilen immer kürzer – eine differenzierte Debatte ist kaum noch möglich. Die aktuelle Aufregung um Jens Spahn bezieht sich auf den ersten Teil seiner Ausführungen: "Hartz IV bedeute nicht Armut" (Welt, 10.03.18) – der Kontext wird bewusst oder unbewusst ausgeklammert, würde aber den Einstieg, der als provokant empfunden werden kann und vielleicht auch so gemeint war, relativieren. Denn weiter heißt es: "Hartz IV bedeute nicht Armut, sondern sei die Antwort der Solidargemeinschaft auf Armut. „Damit hat jeder das, was er zum Leben braucht“, sagte der CDU-Politiker. „Mehr wäre immer besser, aber wir dürfen nicht vergessen, dass andere über ihre Steuern diese Leistungen bezahlen.“" (Welt, 10.03.18)

Tatsächlich liefert der künftige Gesundheitsminister hier eine Zustandsbeschreibung und bestätigt die aktuelle Höhe der Hartz IV-Sätze. Daraus hätte, mit der Wahl eines anderen inhaltlichen Schwerpunkts, auch eine echte Diskussion werden können, die nicht im Wahlkampfmodus verharrt.

Die Anmerkung "Mehr wäre immer besser", gefolgt von dem Hinweis auf die Steuerzahler, die für die Finanzierung aufkommen, hätte den Diskurs z.B. auf künftige Projekte der Großen Koalition lenken können. Die Empörung, jedenfalls des Koalitionspartners wirkt dann doch etwas aufgesetzt und würde zudem in sich zusammenfallen, wenn man sich erinnert, unter welcher Regierung das Hartz-System eigentlich etabliert wurde. Rhetorisch und sachlich steht die laute Kritik an Spahn eher auf tönernen Füßen.

Allerdings ist zu vermuten, dass Spahn mit der Wahl seines Eingangsstatements und der Verkürzung durchaus gezielt provoziert und den Empörungsmechanismus einkalkuliert hat. Mit seinen Erfahrungen aus zahlreichen Interviews, ist er durchaus in der Lage die aus seinen Äußerungen generierte Schlagzeile voraus zu sehen und er wird über das rhetorische Geschick verfügen, sein Anliegen mit Blick auf die erwartbare Reaktion auch moderater zu formulieren. Der zweite Teil seiner Aussage hätte vorangestellt und die häufig zitierte Verkürzung ausgelassen werden können; die medialen Wellen wären deutlich flacher ausgefallen.

Warum also die Provokation? Um das Thema Sozialstaat unter neuer Perspektive zu diskutieren? Um den (mehr oder weniger unfreiwilligen) Koalitionspartner zu ärgern und der eigenen Partei ein unterscheidbares Profil zu geben? Oder um sich selbst als neuer Minister und Kritiker der Kanzlerin zu positionieren? Oder....?

Diese Mechanismen sind nicht allein auf politische Auseinandersetzungen beschränkt. Viele Diskussionen, die "schief" laufen, ließen sich entschärfen oder als Scheingefechte auf Sachebene entlarven, würde es gelingen, der eigentlichen Motivation auf den Grund zu gehen, pauschale Äußerungen auf ihren konkreten Gehalt zu untersuchen und damit zu wirklich zu versachlichen. Das ist medial natürlich weniger spannend und erschwert das "Spiel" zwischen Provokation und Empörung.

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05.03.2018

Anne Will am Sonntag: An der Zielgruppe vorbei argumentieren kostet Glaubwürdigkeit.

Herbert Diess, Mitglied des Konzernvorstands der Volkswagen AG hatte die undankbare Aufgabe, Volkswagen und gleich die ganze Autoindustrie in der Sendung bei Anne Will zu vertreten und als greifbarer Angeklagter zu dienen. Die Sonntags-Frage: "Das Dieselchaos – wer übernimmt jetzt die Verantwortung?", wurde von Diess jedoch ausweichend beantwortet. Sich in der Sendung zu zeigen und der Diskussion zu stellen, zeugt erst mal von Mut; ob es gelungen ist, Vertrauen zur Zielgruppe, zur fernsehschauenden Kundschaft, aufzubauen bleibt dagegen eher fraglich.

Den harten Einstieg Anne Wills, die in ihren Fragen von massiver Manipulation und Betrug spricht, pariert Diess  zwar mit der Bestätigung der Verantwortung – allerdings: zu spät auf den "zu langsamen Rückgang der Stickoxide" reagiert zu haben. Mit zweifelhafter Software an den angegebenen und verkauften Grenzwerten manipuliert zu haben, gibt er nicht zu. Das nachgeschobene und gut vorbereitete "wir haben uns stark" verbessert, gefolgt von einem anschließendem Zahlenfeuerwerk, das diese Verbesserungen belegen soll, verfängt nicht. Mit dem typischen und in diesen Sendeformaten immer wieder wirkungsvollen Einspieler, der die Ereignisse aus Perspektive der Betroffenen zeigt, wird die eigentliche Frage konkret: wer zahlt für die Umrüstung der Autos, die den Stickoxid-Ausstoß tatsächlich signifikant reduzieren kann.

Die Hardware-Lösung, verbunden mit entscheidenden Umbauten am Auto und entsprechenden Kosten wird von Diess als zu langwierig und wenig "sinnvoll" abgelehnt. Eine schnelle Lösung seien dagegen die Förderung von "Elektrobussen" im öffentlichen Nahverkehr und "E-Mobility-Lösungen". Das Ablenkungsmanöver ist nur zu offensichtlich und verringert  zunehmend die Glaubwürdigkeit des VW-Vorstands; denn es geht um Geld und zwar um das der Käufer eines Diesels, dessen Wert sich bei drohendem Fahrverbot nicht nur verringert, sondern der schlimmstenfalls durch eine Neuanschaffung ersetzt werden muss.

Auch der Hinweis auf die 250 Millionen Euro, die VW zur Lösung in Deutschland beisteuert, gerät nicht etwa zum überzeugenden Argument – wie vielleicht geplant – sondern zum Auslöser für den ein oder anderen Heiterkeitsausbruch im Publikum. Diese Summe wirkt gegenüber 11,4 Milliarden Euro Nettogewinn im Jahr 2017 eher sparsam, und über die Milliarden, die den Käufern in den USA zugute kommen ist der deutsche Autokäufer auch informiert.

Diess kann nur noch den eleganten Rückzug antreten, in dem er die Diskussion auf die von Deutschland so unterschiedlichen Bedingungen der USA lenkt, sekundiert von Christian Schmidt (CSU), geschäftsführender Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, dessen politisch-rhetorische Nebelkerzen in der Aussage gipfeln: "Ich will, dass der Fahrzeughalter nicht belastet wird." Gestützt auf Vermutungen, dass der Umbau zu einem möglicherweise höheren Kraftstoffverbrauch führt, scheint er sich auf die Seite des Verbrauchers zu stellen. Sollte ein höherer Verbrauch tatsächlich die Folge sein, steht zu vermuten, dass dieser Nachteil angesichts des bevorstehenden Wertverlusts, von den meisten "Fahrzeughaltern" wahrscheinlich gern in Kauf genommen würde. Auch das Beharren des geschäftsführenden Verkehrsministers, auf einem Gutachten, das Klärung bringen soll, ob und inwieweit Autobauer für den entstandenen Schaden finanziell gerade stehen müssen, trägt vor dem Hintergrund der erfolgreichen Klagen in den USA nicht zur politischen Glaubwürdigkeit bei.

Fazit: Herbert Diess ist zwar mit Argumenten und rhetorisch vorbereiteten Statements ausgestattet, allerdings scheint während der Vorbereitung die Zielgruppe nicht ausreichend in den Blick genommen worden zu sein. Der deutsche Autokäufer ist, v.a. wenn es um sein Geld geht, gut informiert und erwartet konkrete Antworten, gefolgt von ebensolchen Taten. Es bleibt ein schaler Geschmack zurück, der wenig vertrauensbildend sein dürfte.

Anne Will, Das Dieselchaos – wer übernimmt jetzt die Verantwortung?, 04.03.2018, ARD

Gäste: Herbert Diess, Mitglied des Konzernvorstands der Volkswagen AG | Christian Schmidt (CSU),Geschäftsführender Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur | Nico Rosberg, Formel-1-Weltmeister 2016, Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen),Fraktionsvorsitzende im Bundestag | Thomas Geisel (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf

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06.09.2017

Hayali und der Troll

Dunya Hayali, ZDF-Moderatorin und Talkmasterin, ist der Medienöffentlichkeit als aufrichtige, einfühlsame und reflektierte Person bekannt. Durch ihre eindeutige humanistische Haltung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise hat sie sich allerdings auch Feinde gemacht und sieht sich mit einer aggressiven Hetze im Internet konfrontiert.

Den direkten Angriff auf die Person, der keine sachliche Auseinandersetzung zum Ziel hat, gilt es als solchen zunächst zu erkennen – im direkten verbalen Dialog häufig schwieriger, da die Reaktionszeiten kürzer sind. Attacken dieser Art erfreuen sich gerade bei kritischen Themen einer gewissen Beliebtheit und werden nicht selten bewusst als rhetorisches Mittel eingesetzt, um als sog. „schwarze Rhetorik“ einen echten argumentativen Streit um die Sache zu vermeiden und den Gegner gezielt zu diskreditieren. Solche Attacken, auch „Trolling“ genannt, haben im Schutz der Anonymität im Internet ihren festen Platz. Soweit, so bekannt. Dennoch stellt sich nach jedem Angriff für die Betroffenen immer wieder die Frage nach dem Umgang damit, ist der Gegner zunächst doch kein wirkliches Gegenüber, sondern agiert aus dem Hinterhalt.

 

By Frank Schwichtenberg - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52255245

In der Öffentlichkeit stehende Personen, insbesondere Journalisten und Journalistinnen begegnen derartigen "Kommentaren" meist abgeklärt professionell – zumindest versuchen sie es. Die Strategien reichen von Ignorieren bis zum kritischen Nachfragen, um die Auseinandersetzung von der persönlichen Ebene auf eine sachliche zu lenken; vorausgesetzt, dass überhaupt ein inhaltlicher Anknüpfungspunkt existiert.

Dennoch verfehlen wiederkehrende Beschimpfungen und Drohungen nicht selten ihr Ziel: die persönliche Verunsicherung der beleidigten Person und damit die Schwächung ihrer Position. Lässt sich der oder die Betroffene – menschlich verständlich – gleichfalls zu einer emotionalen Gegenreaktion hinreißen, ist die Augengleichheit nach unten hergestellt, die Person vom vermeintlichen Thron der moralisch und/oder fachlich basierten Integrität gestoßen.

Hayali hat sich für eine andere Strategie entschieden und in gleicher Manier zurückgefeuert. Die Moderatorin hat in ihrer Erwiderung den Hasskommentar des Users „Emre“ leicht abgeändert und dabei alle orthographischen Fehler beibehalten.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob sich das Herablassen auf dieses Niveau eine clevere Strategie ist. Die Internetweisheit „Don't feed the troll!“, also klassisches Ignorieren, hätte sich vermutlich auch bewährt. Hinter Hayalis Vorgehensweise lässt sich jedoch mehr als nur ein gekränkter Reflex vermuten. Mit ihrer Erwiderung greift sie den "Stil" des Kommentars auf und macht dessen Destruktivität öffentlich. Hayali wirft gerade ihre Publizität und ihre Integrität in die Waagschale, die attackiert werden sollte. Sie kann sich so auf einen Glaubwürdigkeitsvorsprung gegenüber "Emre" verlassen und darauf, dass man ihr als Journalistin zutraut, eine korrekte Rechtschreibung zu beherrschen.

Erwiderungen auf Hasskommentare sind eher selten, verpuffen sie doch meist wirkungslos oder provozieren den Troll, weitere Gemeinheiten zu posten. Insofern ist Hayalis Reaktion bemerkenswert, wenn nicht sogar geschickt, da sie den Aggressor mit den eigenen Waffen schlägt, den Schlagabtausch aber gleichzeitig in eine Metaebene hebt und damit das Verhalten öffentlich macht. Indem Hayali einen in der Vergangenheit an sie adressierten Hassbrief veröffentlichte und über 50 orthografische Fehler korrigierte, ist es ihr gelungen, den Spieß umzudrehen.

https://www.facebook.com/DunjaHayali/photos/a.366477286740111.110689.126991357355373/1368940129827150/?type=3&theater

Wie ist die Geschichte mit Emre nun ausgegangen? Facebook hat den Kommentar zwischenzeitlich gelöscht; allerdings nicht den des Agitators, sondern die Erwiderung Hayalis. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Kontrolle der Beiträge nicht allein Algorithmen überlassen werden sollte, sondern auch der Kontext entscheidend ist. Letztlich haben Dunya Hayali und Emre telefoniert, er hat sich entschuldigt und die Moderatorin hat die Sache für beendet erklärt.

Auch hier wird ein Phänomen offenbar, das Renate Künast und Florian Klenk, Chefredakteur des Wiener Stadtmagazins „Falter“, unfreiwillig kennen gelernt haben. Beide suchten den persönlichen Kontakt zu ihren Angreifern im Netz und stellten daraufhin fest, dass es sich um Menschen aus der Mitte der Gesellschaft handelte.

Fazit: die anonymisierte und leicht verfügbare Kommunikation im Internet scheint eine Art Nagelprobe dafür zu sein, inwieweit bestimmte Verhaltensformen als kategorischer Imperativ beim Einzelnen verinnerlicht sind und nicht (mehr) der Korrektur bedürfen qua gesellschaftlicher Sanktion.

Leider sind die Lautesten nicht nur im Netz die Präsentesten und das verbale Faustrecht scheint leichter die Oberhand zu behalten. Der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika macht es an oberster Stelle vor.

Um so wichtiger ist es, die Mechanismen zu erkennen, dagegen zu halten und wie Dunya Hayali, sich notfalls der Primitivität zu stellen und in der Metakommunikation die eigentlichen Absichten des Kontrahenten offen zu legen.

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01.08.2017

Kurz und knackig

Junge bis sehr junge Politiker tauchen zunehmend in den ersten Reihen der europäischen Politikergarde auf. Ein recht abrupter Generationswechsel zeichnet sich auch in Österreich ab, wo Sebastian Kurz bereits mit 30 Jahren auf eine steile Politikkarriere schauen kann. Der gelegentlich als „Ösi-Macron“ Titulierte geht jedoch einen anderen Weg als das französische "Vorbild". Im Unterschied zu Macron verabschiedet er sich nicht von gewachsenen Parteistrukturen, sondern macht sich dran, die ÖVP von innen umzukrempeln.

Die Stärke der Jugend

Macron und Kurz sind jedoch die rhetorischen Fähigkeiten gemein, mit denen sie ihr Publikum zu Zuhörern und zu Wählern machen. Jung und Dynamisch trifft auf enttäuschte Wähler und vor allem auf Wechselstimmung. Sie folgen nicht dem Diktat der unverbindlichen Worthülsen, die im Politikersprech nützlich sind, um sich nicht festzulegen und damit so wenig angreifbar wie möglich zu sein. Ein Phänomen, dass mit der Schnelligkeit der medialen Verbreitung zunimmt. Kaum ein "Alt-Politiker" traut sich noch aus der Deckung und hat den Mut – manchmal wider besseren Wissens – Klartext zu reden. Wolfgang Bosbach (CDU) beispielsweise musste schmerzlich erfahren, wie es sich anfühlt, gegen den politischen Mainstream zu argumentieren. Für seine öffentlich formulierten Zweifel an den Rettungsmilliarden für Griechenland erntete er üble Beschimpfungen – aus der eigenen Partei. Das ist die Stärke der Jungen, die noch nicht lange im politischen Haifischbecken unterwegs sind und – falls es mit dieser Karriere nicht klappt – noch umsatteln können.

By Österreichische Außenministerium - Arbeitsbesuch BerlinUploaded by Ailura, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30700256

Sebastian Kurz feilt kontinuierlich an seinem Erscheinungsbild und richtet seine Rhetorik zielgenau auf sein Publikum aus. Seine Anfänge nahm er bei der Jungen Volkspartei in Wien. Dort standen Stadtfahrten im „Geil-O-Mobil“ mit knapp bekleideten Frauen auf der Agenda, mit dem Ziel, konservative Politik als sexy zu bewerben. So viel Häme ihm von allen Seiten dadurch auch zuteil wurde, schaffte er es dennoch, die Junge ÖVP als erstzunehmende Organisation zu etablieren und sich durch sein Engagement ein Netzwerk an loyalen Mitstreitern aufzubauen. Seine publikumswirksame Ausstrahlung blieb auch den Parteigranden der ÖVP nicht verborgen. Mit 24 Jahren wurde er zum Staatssekretär und mit 27 zum jüngsten Außenminister aller Zeiten gekürt. Das nächste Ziel ist nun die österreichische Kanzlerschaft, die er im Herbst mit 31 Jahren anstrebt.

Rhetorisch außergewöhnlich begabt

Nicht jeder mag sich auf Anhieb mit seiner äußeren Erscheinung anfreunden: stets nach hinten gegeelte Haare, knapp sitzender Anzug, oberste Hemdknöpfe offen und meist Verzicht auf Krawatte. Seriös und glatt, aber nicht zu bieder. Dazu kein Versuch, durch auffällige Kleidung oder Accessoires zu eigensinnig zu wirken oder sich abzuheben. Sein Gesichtsausdruck stets entschlossen und bedacht.

By Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres - OSZE 2017 Mauerbach, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61352434

Auch rhetorisch versteht er sein Handwerk. Teil seines Erfolgs und seiner großen Beliebtheit ist der Fähigkeit zu verdanken, seinen GesprächspartnerInnen das Gefühl zu geben, in jenem Augenblick im Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu stehen. Kurz hört genau zu und vermittelt das Gefühl, dass er das Gesagte ernst nimmt. Seine eigenen Worte wählt er mit Bedacht, wird nie unangenehm laut, bleibt verbindlich und verliert sich nicht in allgemeinen Phrasen, sondern schlägt Brücken zum Gesagten, stellt eine persönliche Verbindung her und macht es so zu seinem persönlichen Anliegen. Das Thema ist für die Zuhörer nachvollziehbar und die Identifikation mit dem Redner nimmt zu. Seine freundliche Art wirkt weder unangemessen kumpelhaft noch aufgesetzt, sondern distanziert professionell.

Pragmatischer Opportunismus

Seine rhetorischen Fähigkeiten ermöglichen es Kurz, politische Inhalte zu transportieren, bei denen sich andere schnell dem Vorwurf des Populismus ausgesetzt sehen. Seine harte Linie in der Flüchtlingspolitik, die Balkanroute konsequent abzuriegeln, findet in rechtsgerichteten Kreisen großen Anklang. Mit seiner Eloquenz trifft er allerdings den Nerv eines Großteils der Bevölkerung, der in dieser Frage übereinstimmt, sich aber nur ungern einreihen möchte in den Dunstkreis der rechtspopulistischen FPÖ. Sebastian Kurz wurde also erfolgreich gegen den momentan wohl größten politischen Widersacher für die nächste Nationalratswahl, Heinz-Christian Strache, in Stellung gebracht.

Kurz ist mit Hilfe seines treuen Unterstützernetzwerks in liberalen bis konservativen Gefilden unterwegs und sucht sich die Themen heraus, die ihm opportun erscheinen, um sie strategisch zu inszenieren und auf selbstbewusste Weise zu kommunizieren. Diese pragmatische Herangehensweise gepaart mit rhetorischer Brillanz ist Teil seines raketenhaften Aufstiegs. Sollte er die Wahl gewinnen, bleibt – wie für alle Politiker – die Nagelprobe des politischen Tagesgeschäfts...

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20.07.2017

Macron und die Kraft der Symbole

Wann immer Emmanuel Macron öffentlich in Erscheinung tritt, scheint nichts dem Zufall überlassen zu sein. Als Präsident der „Grande Nation“ inszeniert er sich durch kraftvolle Bilder und symbolträchtige Gesten. Noch immer sind es weniger die Inhalte, die die politische Berichterstattung bestimmen als vielmehr seine Person und seine raffiniert platzierten symbolischen Handlungen jenseits routinierter Abläufe.

Ein professionelles Medienteam sorgt für die richtige Kameraeinstellung zum richtigen Zeitpunkt, so dass Macron seinen fast schon monarchistisch anmutenden Habitus voll entfalten kann. So bestellte er jüngst beide Parlamentskammern, sowohl Nationalversammlung als auch Senat, nach Versailles, um nach amerikanischem Vorbild eine Art Rede zur Lage der Nation abzuhalten, in der er die wichtigsten politischen Leitlinien für die nächsten Jahre vorgab. Durch dieses Novum unterstreicht Macron eindrücklich seinen Rang als stärkste politische Leitfigur im Staat. Die pompöse Kulisse von Versailles inklusive republikanischer Ehrengarde bietet dabei den entsprechenden Rahmen.

Photo Credit: Soizig de la Moissonière / official photo of Emmanuel Macron

Symbolträchtig und nicht vorgesehen auf der Tagesordnung war auch Macrons Wangenkuss für Angela Merkel am Rande der europäischen Trauerfeier Helmut Kohls. Er unterstreicht damit die historische und auch zukünftige Bedeutung der deutsch-französischen Beziehung für ein stabiles Europa. Dass ein starkes Europa zentraler Bestandteil seiner politischen Agenda ist, lässt sich zudem an seinem offiziellen Portraitfoto erkennen. Dort posiert er, gesäumt von Trikolore und europäischer Flagge, an seinem mit bedeutungsschwangeren Requisiten ausgestatteten Schreibtisch, jederzeit zur Tat schreitend bereit.

Stolz, Würde, Aufbruch und Entschlossenheit sind die Attribute die seine öffentlich inszenierten Auftritte transportieren sollen. Wie lange dieses akribisch konstruierte Gerüst in einer Legislaturperiode, die an konkreten Inhalten gemessen wird, aufrecht erhalten werden kann, wird sich zeigen.

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06.07.2017

Lammert kann es einfach

Norbert Lammert ist ein außergewöhnlich guter Redner. Das ist bekannt. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen kührte seine Rede anlässlich des Tags der Deutschen Einheit im vergangenen Jahr zu der besten des Jahres.

Zum Tode des kürzlich verstorbenen Helmut Kohl fand der Bundestagspräsident in seiner Wirkungsstätte vor großem Publikum erneut die passenden Worte und liefert eine facettenreiche Rede, die den Staatsmann würdigt.

Kontextbezogen und nachvollziehbar

Lammert verzichtet auf Allgemeinplätze, die in Nachrufen nicht selten an der Realität des tatsächlich gelebten Lebens vorbei gehen und zur Mythenbildung beitragen – oft dem Redner nicht bewusst. Dies ist Lammerts Sache nicht. Vielmehr stellt er das Leben des Politikers wie des Menschen Kohls in den historischen Kontext.

By Tobias Koch (OTRS) [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Beginnend mit der Gegenwart am unmittelbaren Ort, wo sich die Anwesenden befinden, bilden der Reichstag und seine historische Bedeutung das rhetorische Scharnier, um die politische Leistung des ehemaligen Bundeskanzlers anschaulich zu machen. Mit dem Hinweis auf die Kriegserfahrung und den Verlust des Bruders lenkt der Nekrolog den Blick auf den Menschen Helmut Kohl, der gegen Widerstände seine europäische Vision zu verwirklichen suchte.

Kein Hang zur Mystifizierung

Der Bundestagspräsident benennt durchaus auch die menschlichen Schwächen eines großen Politikers, die den Abschied eines großen Staatsmannes von der Macht so getrübt haben. Er spricht von Verletzungen, den erlittenen und den anderen zugefügten.

Lammerts Rede beschränkt sich nicht auf die Aufzählung von Errungenschaften. Sie besitzt einen Kern: Und zwar die Würdigung Helmut Kohls als nicht wegzudenkender Protagonist beim Übergang zweier Epochen. Als „personifizierte vertrauensbildende Maßnahme der Weltpolitik“ sei die Transition zu einem vereinten Deutschland und einem friedlichen Europa ohne ihn nicht vorstellbar gewesen und würdigt Kohl abschließend als einen „Glücksfall für Europa“.

Die transparente Darstellung komplexer Zusammenhänge macht die Rede ehrlich und nachvollziehbar. Dank Lammerts sprachlicher Unkompliziertheit, die nicht auf den pointierten Ausdruck verzichtet, der würdevollen Diktion, die auch nicht beim Ablesen verloren geht, fällt das Zuhören leicht. Ohne Emotionalität direkt einzufordern, erzeugt Lammert das Gefühl des Verlustes, indem er das Geleistete Helmut Kohls und den Preis dafür klar benennt. Mit ruhigem Ton und gezielten Pausen, in denen er den Blickkontakt mit dem Publikum sucht, strahlt er Besonnenheit aus und ruft implizit seine Zuhörer gleichfalls dazu auf.

Seine Pointiertheit ist konkurrenzlos

Ein gelegentliches Augenzwinkern nimmt dem traurigen Anlass die konstante Schwere und erlaubt ein Lächeln. Ein kurzer Seitenhieb, der die innerfamiliären Querelen aufgreift, stellt die öffentlich ausgetragenen persönlichen Verletzungen indirekt in Relation zur politischen Bedeutung, die der Tod eines Staatmannes eben auch hat. Auch die Medien bleiben nicht ungeschoren, mit dem Hinweis, dass der junge Politiker, Helmut Kohl, im Jahr 1968 dem Magazin 'der Spiegel' noch etwas anvertrauen konnte.

Dem Bundestagspräsident gelingt es, die unterschiedlichsten Themenkomplexe anzuschneiden, ohne sein Publikum oder den eigenen Faden zu verlieren. Mit dem Ende der Präsidentschaft wird Norbert Lammert als virtuoser Redner und Korrektiv im Bundestag fehlen.

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16.06.2017

Blaue Augen, fester Blick

Emanuel Macron entwickelt schon jetzt das Potential zum Star am internationalen Polithimmel. Er erzeugt Bilder und setzt Statements ab, die ein erholsames Gegengewicht zu den Tweets eines Donald Trumps oder öffentlicher Selbstinszenierungen anderer Regierungschefs sind. Unaufgeregt und souverän beherrscht er die Klaviatur, um indirekte Machtspielchen eines Putins oder Trumps mitzuspielen. Der dominante Händedruck des amtierenden US-Amerikanischen Präsidenten wird vom deutlich jüngeren französischen Amtskollegen ebenso fest erwidert. Auch Wladimir Putin bekam zu spüren, dass sich der politische Shootingstar nicht notwendig als Juniorpartner auf der Weltbühne versteht. Dank Kamerazoom, der das Geschehen vergrößert und dank sozialer Medien, die diese Bilder immer wieder perpetuieren, werden mittels eines Händedrucks Claims abgesteckt – oder eben auch nicht.

Von Jérémy Barande - Nouveau plan stratégique de l’École polytechnique, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58620278

In der Live-Situation wahrscheinlich kaum sichtbar, wird Körpersprache zur Sprache, die viel über die Persönlichkeit Macrons verrät. Der smarte und charismatisch wirkende Intellektuelle hat es nicht nötig, wie Trump Staatschefs anderer Länder beiseite zu rempeln, um in der ersten Reihe anzukommen. Und es bleibt abzuwarten, ob er sich jemals mit nacktem Oberkörper inszenieren wird wie Putin. Er wirkt qua Persönlichkeit. Das erlaubt ihm, Fernsehkameras zuzulassen während er mit Unterstützung seiner Frau bevorstehende Wahlkampfauftritte probt. Die Bilder lassen eine breite, internationale Öffentlichkeit wissen, dass eine überzeugende Rede, dass ein solcher Auftritt viele Stunden Arbeit bedeuten und vorbereitet werden muss. Macron lässt sich bei den Vorbereitungen in die Karten schauen und beweist damit den Mut des Starken, der es sich leisten kann, auch unvollkommene Momente öffentlich zu machen. Er probiert, nimmt Kritik an und weiß doch genau, was er will. Der Blick hinter die Kulissen lässt ihn menschlich wirken und sorgt für Sympathie – eine kluge Inszenierung.

Sein frisches juveniles Erscheinungsbild wird dadurch bestätigt und vermittelt ein Gefühl des Aufbruchs in großen Teilen der Gesellschaft. Seine Bewegung „en marche“ hat im Stile von „Yes, we can“ ein Narrativ des Neuanfangs kreieren können.

Macron ist bewusst, dass die Mystik um eine Person im Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielt. Passend also, dass seine Beziehung zu seiner deutlich älteren Frau kontinuierlich von der (Klatsch-)Presse wohlwollend thematisiert wurde. Seine Fähigkeit zu verführen und seine Zielstrebigkeit finden hier ihren Beweis. Als Emanuel Macron auszog, um an Frankreichs Eliteuniversitäten zu studieren, versprach er seiner damaligen Lehrerin, dass er zurückkommen würde, um sie zu heiraten. Manche würden seine Überzeugungskraft auch Manipulation nennen, andere die Kunst des Überredens, die ihm auch geschäftlich einigen Erfolg bescherte. Nicht umsonst fädelte er in seiner Zeit als Rothschild-Banker den Übernahmedeal zwischen Nestlé und Pfizer ein, der ihn nebenbei zum Millionär machte.

Kremlin.ru [CC BY 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0)], via Wikimedia Commons

Macrons Werdegang liest sich wie ein klassisch machtpolitischer und größere personelle Kollateralschäden scheint er durch seine verbindliche freundliche Art bisher weitgehend vermieden zu haben.

Bei den ersten Treffen mit Trump und Putin wurden die Positionen schon mal abgesteckt. Die Einladung an amerikanische Wissenschaftler ihre Arbeit im freiheitlichen Frankreich fortzusetzen klingt in europäischen Ohren wie eine verbale Ohrfeige für den amerikanischen Präsidenten; elegant in eine Rede eingebaut, wobei der entscheidende Teil an die Adresse der USA in Englisch formuliert wurde. Auch das ein Novum; äußerte sich ein französischer Präsident bislang nur in der Landessprache in der Öffentlichkeit.

Er beherrscht die große Geste, ohne sie groß wirken zu lassen. Er wirkt standfest und bestimmt. Sympathien büßt er dabei keine ein. Bleibt wohl abzuwarten, wie lange seine mystische Aura ihren Glanz behält und wann letztlich realpolitische Gegebenheiten daran zu nagen beginnen.